Shampoo zum Frühstück, Zahnpasta zum Abendessen? 4 Schritte zur Fusion von Vorratskammer und Badezimmerschrank

No Poo
Experiment: Nahrung zur Hautpflege.

Ich hatte vor gut zwei Jahren einen Schlüsselmoment. Ein ganz simpler. Mit durchschlagender Wirkung.

Ich stieß auf einen Blogartikel. Und der stieß was an.

Die Idee: Ich mag an meinen Körper nur noch Dinge lassen, die ich auch essen würde.
Die Haut ist ein aufnahmefähiges Organ.
Quasi unser Tor für diverse Umgebungswahrnehmungen. Sie ist darauf ausgelegt, durchlässig und sensibel zu sein.

Puh. Ich ging innerlich so meinen Badezimmerschrank durch und stellte fest: aktuell wäre das weder eine gesunde noch ein leckere Mahlzeit!
Plastik. Diverse Chemikalien. Giftstoffe.

Also verschaffte ich mir einen Überblick.

Es gibt inzwischen wirklich viele Ressourcen zu vielen betroffenen Themen.
Viele Informationen.
Viele Erfahrungsberichte.
Manches etwas widersprüchlich oder diffus.
Auf jeden Fall aber eine klare Erkenntnis: man ist nicht alleine mit dieser verrückten Idee.

[Experimentaufbau]

Was sind die relevanten Bausteine, wenn man sich so eine Frage gestellt hat? Was ist davon überhaupt alles betroffen?

Gesichtspflege. Waschen, Eincremen, Make-up, Make-up-Entfernen…
Haare.
Der restliche Körper. Waschen. Eincremen.
Zähneputzen.
Deo.
und sogar Waschmittel.

Huihuihui.

Ich sagte schonmal meinem geliebten Duschgelduft (der für die meisten ohnehin recht intensiv war) adé.

Aber vor allem fing ich an, mich plötzlich mit einer Materie zu beschäftigen, mit der ich vorher noch keine Berührung hatte!
Nahrungsmittel fanden schon in DIVERSEN Küchenexperimenten bei mir ihren Platz – aber den Weg ins Badezimmer haben sie bislang noch nicht gefunden.
Oder auf meinen Kopf. Oder ins Gesicht.

[Experimentablauf]

Ich beobachtete.
Was verwendete ich regelmäßig?
Was sowieso eigentlich kaum?

1. Und dann machte ich den ersten Schritt: ich reduzierte.
‚Wieviel der Kosmetika brauchen wir wirklich, um uns wohlzufühlen?‘ (Eine ganz zentrale Sache!! Das Wohlfühlen! <3)

Brauchen wir zum Beispiel wirklich eine Gesichtscreme, wenn ihr regelmäßiger Zweck dem dient, die Feuchtigkeit wiederherzustellen, die wir der Haut zuvor durch eine intensive Reinigung entzogen haben?
Ich habe seit meiner Pubertät mit leicht unreiner Haut zu tun und das tägliche Waschen war ein Credo, das mir auf den Weg mitgegeben wurde, um dem entgegenzuwirken.
Rein logisch – könnte es nicht viel effizienter sein, die Haut sich ihrer Selbstheilung zu überlassen?

Und ist es notwendig, seine Haare zu stylen, nur um sie dann jeden Tag waschen zu müssen (man will das Zeug ja dann doch nicht mehrere Tage mit sich herumtragen)?
Und wieviel Pflege (Kuren etc.) brauchen Haare wirklich? Geht das nicht auch nur mit Wasser?
Unsere tierischen Mitbewohner_innen dieses Planeten brauchen ja auch kein Shampoo!

Eine spannende Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und ein logisches Hinterfragen des Konsumwahns in Drogerien begann.

Ich ließ ausgelöst durch eine Reise alles an Schminke weg. Zumindest im Alltag. Das hatte neben der Kosmetika-Reduktion auch den Hintergrund, dass ich symbolisch auf jegliche Maske verzichten wollte.

Ich probierte das erste Mal (und noch relativ desinformiert) auf Shampoo zu verzichten und nur noch mit Wasser meine Haare zu waschen. Dabei erinnerte ich mich an einen ehemaligen Mitbewohner, der das ganz schon seit Jahren ganz selbstverständlich machte (und definitiv nicht unhygienisch war).
Ich musste dieses Experiment zu diesem Zeitpunkt nach einigen Wochen abbrechen. Ich habe mich einfach nicht wohl gefühlt. Habe es allerdings ein Jahr später (ebenfalls vergeblich) wiederholt.
Ich bleibe dran.

Stylingprodukte für die Haare ließ ich dementsprechend auch weg.

Ich wusch mein Gesicht nur noch mit Wasser und verzichtete aufs Eincremen. Ich hatte das Gefühl, dass nach ein, zwei Wochen die Haut keinerlei Mangel mehr hatte. Inzwischen creme ich alle paar Wochen mal ein wenig mit Öl ein, wenn es notwendig ist (durch Hitze oder Kälte z.B.)

Sachen wie Nagellack sind mir schon seit Jahren zu anstrengend. Auftragen, warten (bloß nichts anfassen), den Geruch aushalten, wieder abmachen (und wieder den Geruch aushalten), erneut auftragen …etc.
Und vielleicht auch einfach nicht (mehr) so ganz meins.

Im Sommer lasse ich so lange es geht Sonnencreme weg und setze auf Mittagssonnenvermeidung und Kleidung. Nach meinem Auslandssemester in Italien hatte ich außerdem bemerkt, dass sich meine Haut langfristig an mehr Sonnenstrahlung gewöhnt hatte und nachhaltig anders reagierte.
Die Wirkung und Inhaltsstoffe von Cremes sind ohnehin umstritten. Einen kleinen Einstieg gibt es hier.
Aber auch hier gibt es Rezepte zum Selberanrühren.

2. Der zweite Schritt: Die Alternativensuche.

‚Und was kann ich eigentlich schon längst durch andere Dinge ersetzen?‘

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich schon folgendes sagen:
Ich brauchte immer noch: Zahnbürste und Zahnpasta, Deo, eine Seife zum Körperwaschen, etwas zum unregelmäßigen Eincremen (zu wenig getrunken, trockene Heizungsluft, Salzwasser,…), was zum Wäsche waschen, Kontaktlinsenflüssigkeit. Und eben doch was zum Haarewaschen.

Ich entdeckte eine neue Lieblingsseite: www.smarticular.de.
Großartig umfangreiche Datenbank über alle möglichen Alternativen zu allem Möglichen.
Da fand ich auch Anregungen zu Zahnpasta. Und Deo.
Die ich anfing, selbst zusammenzumischen.

Das kann zum Beispiel so aussehen:

Zahnpasta DIY

Ich fand heraus, dass man zum Wäsche waschen nicht nur Waschnüsse (die von weit her kommen und teuer verkauft werden), sondern auch Efeu (!) verwenden kann. Oder Kastanien. Enthalten alle Saponine.
Also: Vor jeder Wäsche an den wuchernden Efeubusch vor meiner Tür zum Sammeln gestiefelt, zehn Blätter gepflückt. Mega gut.
Ich habe sie immer klein gezupft und in ein, zwei oder drei Socke(n) eingeknotet.
Was man da natürlich vermissen könnte ist ein Duft. Die Wäsche riecht einfach … nach Garnix. Dem könnte man mit ätherischen Ölen Abhilfe geben.

Zum Eincremen stieg ich auf Öl um. Kokosöl oder Olivenöl. Die sind unter Kenner_innen beide nicht optimal, weil sie zu schwer sind und deswegen nur langsam einziehen. Ich finde das für mich aber vollkommen ausreichend.
Alternativen sind Arganöl oder Mandelöl.

Meine Kontaktlinsenflüssigkeit kommt leider immer noch aus der Drogerie. Meine Eitelkeit und mein praktisches Empfinden weigert sich einfach noch, eine Brille fertigen zu lassen.
Und unter hygienischen Gesichtspunkten bin ich bei meinen Augen auch etwas kritischer bei möglichen Alternativen zur Plastiklösung.

Und letztendlich das Haare-Thema. Das ist eigentlich das spannendste und ihm gebührt ein eigener Eintrag. Wer sich mit diesem Thema auseinandersetzen mag, dem sei sehr die Facebook-Gruppe „No Poo: HAIRrlich natürlich – Ein Ziel und viele Wege“ ans Herz gelegt.
Ein wirklich angenehmer Umgangston.
Viel Experimentierfreude.
Unglaublich viel (bereits gesammeltes) Fachwissen.
Inzwischen wasche ich mit Roggenmehl, das ich vor der Wäsche mit einem Schuss Apfelessig und natürlich Wasser anrühre. Das geht schnell und entfettet zuverlässig, sodass ich mich wohlfühle. Ich strebe aber nach wie vor an, die Konzentration zu reduzieren und irgendwann ganz drauf zu verzichten. Wie die Wildkatze.

3. Schritt Nummer drei: die Infizierung.

‚Plötzlich scheint (fast) alles ersetzbar.‘

Die Kosmetik und die Haut trat eine Welle los. Ich bemerkte nämlich auch schnell, dass das Geld spart.
Und mein Badezimmer viel aufgeräumter und plastikärmer ist!
Wie ästhetisch es doch ist ohne Plastik und Verpackung!

Der größte infizierte Bereich ist definitiv der der Reinigungsmittel. Apfelessig und Natron dienen nicht nur zum Haarewaschen und Deodorieren sondern putzen auch außerdordentlich gut das Badezimmer!

Dann hab ich mir einen Rasierhobel zugelegt. Das klingt unglaublich brutal. Ist es aber nicht.
Dafür eine Möglichkeit, sich plastikfrei und langfristig auch deutlich preiswerter zu rasieren. Hier kauft man nämlich die echten Stahl-Rasierklingen.
Am Anfang musste ich mich stark daran gewöhnen und vermehrt aufpassen, mich nicht zu schneiden – vor allem, da der Kopf nicht beweglich ist. Inzwischen bemerke ich kaum noch nen Unterschied. Im Gegenteil, die Klingen sind tendenziell schärfer, weil ich sie häufiger wechsle. 😉

4. Und Schritt Nummer vier: Minimalismus adé.
Ich habe irgendwann so viel Freude am Austesten in der Hexenküche entwickelt, dass ich rückfällig zu Schritt eins wurde: ich habe wieder mehr Kosmetika angehäuft.

Nur diesmal selbstgemacht, plastikfrei und essbar. Z.B. mach ich mir ab und zu ein Styling- und Feuchtigkeitsgel für die Haare – aus Leinsamen und Honig. Und in meinem Bad steht wieder eine Mundspülung. Mit Natron, Minzöl und Xylith.

[Fazit]

Das einzige, das wirklich noch nicht so nahrhaft ist, ist meine Seife. Und auch das weiß ich, dass man das theoretisch essbar ersetzen könnte. Mag ich aber noch nicht

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Ich verwende da inzwischen Seifenstücke. Und bin vor nem Dreivierteljahr (noch recht stümperhaft) unter die Seifensieder_innen gegangen.
Das bietet nicht nur Küchenexperiment, sondern aufgrund der ätzenden Natronlauge auch noch ein bisschen Nervenkitzel!!;)

(dies ist ein vielleicht lapidar eingebetteter, aber sehr wichtiger Hinweis: Seife sieden muss mit Schutzkleidung und ausreichend Vorsicht gemacht werden!! Mit Natronlauge ist echt nicht zu spaßen!)
Und es ist zwar nicht essbar, aber immerhin weiß ich, was drin ist und es ist deutlich plastikreduzierter.

Ich habe das zu einem langsamen und druckfreien Prozess gemacht. Immer wenn etwas zuneige ging, öffnete ich ein neues Recherche-Chapter. Ging ich einen Schritt weiter.
Manchmal freute ich mich drauf, manchmal war ich anfangs etwas überfordert.
Und dann gabs immer diesen einen Punkt, an dem mensch das Gefühl hat, sich ein neues Themenfeld erarbeitet zu haben.

Die ganze Welle hat zu einem erneuten Schritt zu deutlich mehr Konsumbewusstsein geführt.
Es ist irgendwie runder geworden.
Mein Blick kompletter.
Alltagsdinge wurden flexibler in meiner Wahrnehmung.
Für einige Menschen klingt das sehr zeitaufwendig und dogmatisch und anstrengend.
Mir gibt es skurrilerweise ein Gefühl von Freiheit nicht von Öffnungszeiten oder einem gewissen Angebot und den Inhaltsstoffen abhängig zu sein.
Ich habe ein Gefühl von Kontrolle gewonnen.
Konsumkontrolle.

Kennst du dieses Gefühl? Wenn du die Dinge selbst kannst? Wenn du Zusammenhänge begreifst und dadurch sichereren Schrittes durch einen Wald an Möglichkeiten gehst?

5 thoughts on “Shampoo zum Frühstück, Zahnpasta zum Abendessen? 4 Schritte zur Fusion von Vorratskammer und Badezimmerschrank

  1. Gefällt mir was Du schreibst.
    Mal sehen ob ich hier irgendwo Efeu für die Wäsche finde. (Mit Waschnüssen habe ich eine Weile experimentiert, aber meine Erfahrung ist: die machen meine Wäsche (Baumwolle) kaputt).
    Rasierhobel nutze ich auch. Mein Tip dazu: Rasieröl (kann man kaufen oder selber mixen) macht es noch sanfter und hautfreundlicher billiger geht auch kaum. Mit kalt Wasser spülen.
    Seife nutze ich maximal einmal pro Woche.
    Ein Löffel Olivenöl in die Badewanne ist besser als jede Creme (aber auch das maximal 1 mal pro Woche).
    Als Barfussläufer hatte ich am früher schwarze Fußsohlen, die auch nicht mehr sauber wurden, da konnte ich schrubben wie ich wollte. Dann habe ich alle Fußwaschmittel außer Wasser weggelassen. Seit dem nehme ich Wasser und Bürste und meine Fußsohlen haben ganz schnell wieder Hautfarbe.

    1. Super spannend mit den Fußsohlen! Ich abe auch manchmal das Gefühl, dass Wasser die beste Wahl ist. Eine Freundin von mir hat beobachtet, dass sie mehr Körpergeruch hat, WENN sie duscht!

      Woraus besteht das Rasieröl? 🙂

      Was verwendest du aktuell zum Wäsche waschen?

  2. Hallo Tizia, immer wieder nett wenn man von Mitgliedern der Gruppe solch schöne Beiträge findet. Für den persönlichen Entwicklungsweg hat es oft wenig Raum auch wenn wir die einzelnen Etappen relativ gut dokumentiert bekommen 😉

    Hat mich gefreut deine Gedanken und Entwicklung zu lesen. Ich wünsche dir weiterhin eine erfolgreiche No Poo-Reise und deienm Traum-Reiseziel Water Only. Kommt Zeit, kommt auch die natürliche Anpassung der chilligen Talgproduktion. 😉

    Liebe Grüße Claudia
    (Leider kann man deinem Blogbeitrag nicht entnehmen wann du ihn veröffentlicht hast, hätte mich gerade interessiert 🙂 )

    1. Liebe Claudia, vielen Dank! Ich freu mich, dass du auf den Artikel gestoßen bist, weil die Gruppe echt einen wesentlichen Schritt begleitet und voran gebracht hat! Du und all die anderen Gruppen-Starter_innen ihr macht echt eine tolle Arbeit, danke! 🙂

      Der Post ist noch nicht so alt, von vor einem Monat etwa.

      Liebe Grüße, Tizia

  3. Nachtrag:
    Statt Weichspüler verwende ich Essig. Hält bei hartem Wasser die Handtücher kuschelig und die Maschine kalkfrei. (Meine Waschmaschine stammt aus den 70ern und ist innen blank und hat immer noch die ersten Heizelemente)

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