Bunte Hunde in Blusen und Hemden: Wege durch das Do’s&Don’ts-Labyrinth konservativer Arbeitsplätze

Experiment ‚Bank‘

[Experimentaufbau]
Ich arbeite in einer Bank.
Üblicherweise sorgt dieser Satz im ersten Moment für Erstaunen.
In einer Bank? Das hätte ich jetzt nicht gedacht.

Undercut, Piercings, Tattoos, ein tendenziell alternativer Kleidungsstil. Und ein Job in einer Bank? Ja.
Bekannte Schwierigkeiten mit unflexiblen hierarchischen Strukturen und eine Abneigung gegen konservative Bürokratie – und ein Job in der Bank? Ja.

Gut, es ist eine Entwicklungsbank. Also ein Ort an dem entwicklungspolitische Visionen mit bänkerischem Finanzierungsgeschäft aufeinander prallen. Mein starkes Bedürfnis nach einer Antwort auf das ‚big why‘ ist also durchaus teilweise erfüllt.

[Ablauf]
Ich gehe hin. Kriege oder suche mir Arbeit. Die bekomme ich bezahlt, als Werkstudent_in. Gehe wieder heim. Das alles meistens zwei Tage die Woche. Ein typisches Lohnarbeitsverhältnis eben.

[Fragestellungen und Ergebnisse]
Menschen haben Angst. Das ist eine der großen Lektionen, die ich dort lerne.

Z.B. die Angst vor Unbekanntem und Fremden. Und davor negativ aufzufallen. Vielleicht manchmal überhaupt aufzufallen.

Ich bin menschlich und nahbar in einer Welt, in der viel Angst davor herrscht, sich zu zeigen. Ich lächel die Leute an. Ich scherze auch mit Unbekannten an der Kaffeemaschine. Ich verwickle sie in ein Gespräch und nehme ihnen mögliche Hemmungen, in denen ich ganz Offensichtliches einfach verbalisiere.

Ich lache laut und rede mit Händen und Füßen. Auch in der Bank.

Wenn ich von meinem Wochenende erzähle, dann gehört da auch der Teil dazu, in dem ich nach Hamburg trampte oder Seife gesiedet habe oder Zeit mit meiner Partnerin verbracht habe. Punkt. Gnadenlose Direktheit mit meinem unkonventionellen Leben.

Sorge ich für Irritation? Unbedingt. Die ersten Wochen in der Kantine fühlte ich mich wortwörtlich wie ein bunter Hund.

Inzwischen lächeln mich die Menschen an. Mehr Menschen auf jeden Fall. Ich werde wieder erkannt. Aber ich wirke nicht mehr so bedrohlich in meinem Anderssein.

Ganz besonders mag ich die Situationen, wenn sich Anzug- und Blusenträger_innen vor mir outen, dass sie ja eigentlich auch nicht ‚so sind‘. Klar – da fühle ich mich auch ein bisschen ertappt. In meinen Vorurteilen und Schubladen. Dass hinter den Krawatten und Seidenschals auch ganz andere Seiten versteckt sein können – das entdeckt man erst auf den zweiten Blick. Zumindest, wenn sie sich nicht so auffällig zeigen wie bei mir. Oder man mit den Menschen noch nicht an der Kaffeemaschine gescherzt hat. 🙂

 

Self-Care in einem Umfeld möglicher Machtkämpfe:
Es gab relativ am Anfang eine Situation, in der ein Kollege mir einen gut gemeinten Tipp mitgab: Sei darauf vorbereitet, dass alle zwar vorne freundlich sind, aber sich dahinter andere berechnendere Seiten verstecken können. Auch eine Form von Angst. Mag ich diesem Menschenbild glauben?

Ich habe mich wieder gegen das Misstrauen und die Angst entschieden.

Meine Strategie – unabhängig von diesem Ratschlag – war, den Spielregeln in meinem Toleranzrahmen zu folgen (hier kommen auch die Blusen und Hemden ins Spiel!;-)) und viel zu beobachten. Die zwischenmenschliche Politik durch eine gewisse Distanz hinweg zu studieren.
Heieiei, das ist interessant! Ich glaube, meine Position ist die beste, um genug Einblick zu gewinnen und trotzdem noch nicht in die Machtkämpfe eingebunden zu sein.

Keine Konflikte? Stimmt so nicht. Natürlich nicht. Wer mich kennt, weiß ja, dass ich konstruktive Konflikte durchaus schätze.
Konflikte in einem eingespielten, eher konservativen System sind eine ganz besondere Herausforderung. Für mich. Weil die Wichtigkeit der eigenen Position sich unmittelbar auf die Wichtigkeit des Konflikts für das Gegenüber überträgt.

Hier war ich herausgefordert, in meiner Entscheidung gegen die Angst und das Misstrauen. Da fühlte ich mich machtlos. Und habe eine gewisse Aufgewühltheit einige Wochen mit mir herumgetragen.

Wie bin ich mit der Angst und der Ohnmacht umgegangen? Eine Übung zum Perspektivenwechseln findest du hier.

Damit meine ich nicht, dass man lernt, Unannehmbares hinzunehmen und sich ruhig zu stellen. Absolut nicht. Davon würde ich immer abraten. Sprecht darüber, wenn euch etwas stört. Offenheit und Ehrlichkeit waren sogar meine Bedingungen beim Einstellungsgespräch.
Aber – was genau sind die eigenen Bedürfnisse in diesem Zusammenhang? Geht es darum, dass in Zukunft ein anderer Umgang stattfindet? Möchte ich gehört werden und Raum für meine Gefühle zugestanden bekommen? Möchte ich etwas an meiner Arbeit oder Position ändern? Wo sind meine Grenzen?

Altbekannte Fragen in einem Umfeld, das nicht auf Self-Care ausgelegt ist.
Umso wichtiger, darauf zu achten.

Wann hast du dich das letzte Mal gefragt, für wessen Wachstum du gerade arbeitest? Wächst du an dem, was du tust?

 

Bringt dich das, was du tust, dahin, wer du sein willst?
Ich schätze meinen Chef sehr. Ich schätze an ihm, dass er immer freundlich ist und ein offenes Ohr hat und eben tatsächlich sehr an dem Wohlergehen des Teams interessiert ist. Ich sehe auch, dass er manchmal Erinnerungen braucht, weil ihm Kleinigkeiten durch die Lappen gehen. Das mache ich gerne.

In Zusammenarbeit mit ihm wurde ich aber auch erneut mit ineffizienten Annahmen an korrektes Verhalten in Hierarchien konfrontiert: Die Dualität zwischen Vertrauen bzw. Delegieren und Kontrolle.
Vorweg – ich brauchte einige Wochen, wenn nicht Monate, in denen ich mich daran gewöhnen musste, dass ich tatsächlich nicht kontrolliert wurde in meinem Agieren. Damit meine ich ganz simple Sachen wie wann ich mein Handy benutze, wie lang die Mittagspause ist, selbst wie oft ich aufs Klo gehe (aus welcher Arbeitserfahrung das kommt, ist eine ganz andere Geschichte). Ich erwische mich immer noch ab und zu in diesem Gedankenkarussel.
Also – kaum Kontrolle und viel Vertrauen. Ziemlich gut.

Und dann gibt es so Momente, in denen ich merke: mein Chef hat das Bedürfnis, meine Arbeit im Nachhinein ein weiteres Mal detailliert durchzusprechen. Das Vorgehen. Vielleicht hat er auch den Eindruck, mir damit eine Form von Wertschätzung und Unterstützung entgegen zu bringen. Manchmal ist das auch so. Ich fühlte mich auf jeden Fall nie verloren.
Die Krux: ich habe den Eindruck, dass genau diese Gewohnheit für ein unübersichtliches Mehr an Arbeit sorgt. Vor allem für ihn. Wo liegt da das richtige Maß?

Ich habe darauf keine Antwort. Inspiration gibt es in der Arbeits-‚bibel‘ von Tim Ferris: man muss sich selbst aus dem System herausdenken, um Unabhängigkeit und Freiheit zu genießen.
Zumindest für mich ist das ein zentraler Aspekt zukünftiger Einkommensoptionen.

Kontrolle ist eine der Wurzeln der Bürokratie. Ein neuer Kollege von mir ist gerade dabei, sich in die Logik unserer administrativen Prozesse einzudenken. Er ist frustriert. Er ist frustriert über den Dschungel der Prozesse an sich. Und er ist frustriert darüber, dass er Kollegen fragt, die seit zehn Jahren in der Firma sind – und die die Prozesse ebenfalls noch nicht verstehen.

Das verstehe ich als eine Form von Resignation.

Wo seid ihr resigniert und nehmt mangelnde Logik und Ineffizienz hin ohne etwas zu verändern?

Mir fallen da spontan sogar mehrere Dinge ein. Und ich stelle mir die Frage echt regelmäßig…
Und auch in meinem Job in der Bank bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich merke, dass mehr Einsatz weder Wirkung zeigt noch erwünscht ist.

Ich verstehe, dass man seine Energie sinnvoll einsetzen will. Aber – und auch da verweise ich wieder auf Ferris – ist die Tätigkeit in sich ineffektiv, dann lohnt sich auch keine Effizienzsteigerung (Zur Erinnerung der Differenzierung: ein Feuer mit Champagner zu löschen ist zwar durchaus effektiv, aber absolut nicht effizient).

What you do is infinitely more important than how you do it.
(T. Ferris, The 4-hour work week, S.68)

Ich frage mich gerade, ob genau das nicht der Punkt ist, an dem die Arbeit schwierig mit meinen Werten und Idealen, wie ich meine Zeit einsetzen will, vereinbar wird. Und irgendwie bin ich auch stolz darauf, immerhin nicht mehr Anfang sondern Ende zwanzig zu sein, und trotzdem meinen Werten treu zu bleiben. Vielleicht sogar treuer zu sein als noch vor ein paar Jahren.

 

[(Zwischen-)Fazit]
Mir tat die Arbeit monatelang unglaublich gut. Das Vertrauen, die neuen Herausforderungen und einen Platz als bunte Hündin in einem eher uniformen Umfeld gefunden zu haben. Und auch die finanzielle Sicherheit hat mich entspannt.

Zu merken, dass die Mühlen (wenn überhaupt) nur sehr langsam mahlen und unter Bürokratie nahezu ersticken, das sorgt bis zu einem gewissen Grad für sarkastische Belustigung aber auch innere Wertekonflikte. Den Umgang damit zu finden, wird Ausgangspunkt für einen zweiten Teil des Experiments ‚Bank‘ sein.

 

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4 thoughts on “Bunte Hunde in Blusen und Hemden: Wege durch das Do’s&Don’ts-Labyrinth konservativer Arbeitsplätze

  1. Hehe 2 Tage die Woche ist vorbildlich, aber in meiner Wahrnehmung nicht unbedingt typisch..
    Den unterschied zwischen effektiv und effizient habe ich noch nicht verstanden.
    Ich werde erst mal Ferris lesen und dann bei Bedarf nochmal fragen.

    1. Das Champagner-Beispiel habe ich tatsächlich in der Uni mitgenommen. Das Feuer ist aus: es hat funktioniert. (der Effekt ist eingetreten)
      Das Feuer wurde mit einer 50E Flasche Champagner gelöscht: Das Feuer ist zwar aus, aber die aufgewandten Kosten… naaaah.

      Lass mich gern deine Gedanken zu Ferris wissen!

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