Freude an der Reise mit sich selbst – ohne Karte und Begleitung in Schottland

Experiment: Alleine Reisen.

[Vorwort:]
Ich reise schon lange alleine. Um genau zu sein seit knapp 27 Jahren. Zugegeben. Zu Anfang wurde ich noch ziemlich viel getragen, genährt und beeinflusst (das nennt sich dann auch Sozialisation).

Und trotzdem war und bin ich alleine. Sind wir alle allein. Allein auf dieser Reise durchs Leben.
Klingt das brutal?
Alleinsein wird als so schrecklich bedrohlich wahrgenommen. Und für andere ist es genau das, in das man sich flüchtet, um Sicherheit zu gewähren und Verletzungen zu vermeiden.

Allein. Alleine reisen. Was bedeutet das für mich? Ich kann meine Erfahrungen nicht teilen. Klar, ich kann darüber sprechen. Ich kann sie in Worte pressen und ihnen einen Mantel anziehen, der ihnen gut steht, ihren Charakter unterstreicht, möglicherweise Problemzonen (warum man auch immer Zonen problematisieren sollte) kaschiert oder Neugierde erzeugt, auf das Verborgene darunter. Ich kann es teilen. Aber ich kann diese Reise niemals als Teil gehen.
Das anzunehmen und anzuerkennen, das hat einige Jahre gedauert. Etwa 26.
Eine ziemlich lange Zeit und ein ziemlich großer Anteil dieser Reise habe ich also damit verbracht, eine Reise alleine zu begehen, mir aber einzubilden, dass sie ein Akt der Gemeinschaft ist.

Was bedeutet das?
Erleben ohne es anderen mitzuteilen war irgendwie inhaltsleer. Glücklicherweise gibt es dafür ja eine Strategie: man kann schon während des Erlebens innerlich planen, wie man davon am besten und unterhaltsamsten erzählen wird. Also eine konstante Form der potenziellen zukünftigen Erzählung im Moment.
Und ist das erfüllend?
Natürlich nicht.
Erlebe ich dadurch die Dinge intensiver?
Sehr unwahrscheinlich.
Wie steht es um Gerüche und Geräusche und Bilder, die neu und unerwartet sind?
Ganz schwierig. Dafür müsste ich ja mal einen Moment DA sein.
Ich reproduziere also meine Erlebnisse. Ist es das, worum es beim Reisen geht? Mir nicht.

Also: ich reise eigentlich alleine und habe beschlossen, die Momente bevorzugt mit mir (und damit überhaupt) zu erleben und nicht des (zukünftigen) Teilens wegen.
Natürlich klappt das nicht unmittelbar nur des Entschlusses wegen. Hell no! Ein kontinuierlicher Prozess, in dem ich mich immer wieder durch verschiedene Mittel motivieren und voranbringen muss.

Nun zum Experiment:
Ein ganz besonders intensives Experiment, in das ich mich begeben habe, war das wortwörtliche Alleine-Reisen. Ich war gute zwei Wochen in Schottland.
Das war nicht das erste Mal, dass ich alleine unterwegs war. Aber das erste Mal, dass ich mit der Vorfreude, mit mir Zeit zu verbringen und Dinge alleine zu erleben, losflog.

[Der Experiment-Aufbau]
Zwei Flugtickets nach bzw. von Edinburgh, die einen zeitlichen Rahmen abstecken (durch anschließende Verpflichtungen, war der auch feststehend);
eine kleine in meinen Rucksack komprimierte Wohnung: Schlafzimmer, Küche/Vorratskammer, Bad und Wohnzimmer mit dem grenzwertigen, anfänglichen Gewicht von etwa (inklusive Essen und Wasser) 17 kg und ein wenig Erfahrung von Wildcampen und Leben draußen und mit der Natur – für die physischen Bedürfnisse;
einiges aus der inneren Tool-Kiste, um emotionale und spirituelle Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen.
Schottland als ein Ort, der zwar insbesondere im Oktober nicht durch das sonnige Strandwetter lockt, aber dafür mit teils dünn besiedelter Landschaft und – ein wichtiger Aspekt – legal das Wildcampen gestattet.
Ein paar wenige Kontakte – teilweise durch jahrelang zurückliegende Reisen, teilweise durch Couchsurfing.org*.
Natürlich mein Netzwerk von Zuhause und ein Mobiltelefon, um mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Wenn ich das denn möchte.
Ich hatte keine Karte.

 

wandern

 

[Der Experiment-Ablauf]
zwei Nächte in Edinburgh in einem (zuvor gebuchten) Hostel.
ein oder zwei Nächte in Glasgow bei einem Couchsurfing-Host, der mich anschrieb und mich zu sich einlud.
von dort den West Highland Way laufen. Je nachdem, wie schnell das geht und wie das so ist, noch weiter auf den Great Glen. Das grobe Ziel: irgendwie nach Inverness kommen. Von dort am Tag vor meinem Abflug zurück nach Edinburgh.
Ich bemühte mich also um eine ausgewogene Mischung aus Planung und Freiraum für Moment-Erlebnisse.

Die Fragestellungen:
a. Würde ich mich einsam fühlen?
b. Würde ich überfordert sein? (schließlich kann man in Reisegemeinschaften auch so herrlich die Verantwortung abgeben!)
c. Würde ich in einem konstanten Zustand der Meditation und des simplen Seins sein? (hier hat sich jetzt die idealistische und hoffnungsvolle Visionärin in mir geoutet. :D)
d. Würde ich das Experiment als wiederholbar oder als abzubrechen ansehen?
e. Und würde mich das Experiment weiterbringen darin, mich in meine neu entdeckte Rolle als Alleinreisende des Lebens einzufinden?

 

[Fazit: Die Experiment-Ergebnisse]
So, wie war es denn jetzt eigentlich da oben in Schottland? Was habe ich mitgenommen? Wie würde ich den Ausgang des Experiments ‚Alleinereisen durch Alleinereisen‘ benennen?

a. Ja, ich habe mich in gewisser Weise einsam gefühlt. Aber nicht immer. Eher vereinzelt. Es gab etwa drei, vier Tage, in denen ich tatsächlich kaum Menschen getroffen habe und demzufolge kaum Gespräche geführt habe – und da gab es zwischendurch auch Einsamkeitsgefühle. Ich erinnere mich an einen Nachmittag und Abend, an dem das besonders stark war. Meine Gefühlslage war aber auch prinzipiell nicht gut.

In diesen Momenten habe ich mich auf Dinge des alltäglichen Ablaufs fokussiert: Ich habe meinen Schlafplatz gesucht (mit dem ich an dem Abend auch nicht so happy war – kommt ja dann alles zusammen!! :D), ich habe mein Zelt aufgebaut, ich habe gekocht, gegessen und mir tatsächlich den Luxus gegönnt, mich in Kontakt mit meinen Lieblingsmenschen in Deutschland zu setzen. Dabei hab ich versucht, mein Erleben bewusst zu teilen: wann ist mir nach Flucht vor mir selbst? Wann möchte ich den Kontakt? Und wann möchte ich tatsächlich explizit etwas bereits (!!) Erlebtes mitteilen?
Und als ich die letzten zwei Tage beschlossen hatte, mich in bekannte Gesellschaft eines Herzensmenschens zu begeben, fußte die Entscheidung definitiv nicht mehr auf einem Einsamkeitsgefühl. Ein sehr wichtiger Punkt.

b. Ich habe beobachtet, dass die ersten 1,5 Tage mein Kopf in einer latenten Panik verfangen waren. Zuviel Unsicherheit für ihn. Wo werden wir (mein Kopf und ich) schlafen? Sollten wir das Wasser auffüllen? Oder reicht es noch? Wann kommt die nächste Wasserquelle? Zuviele Entscheidungen zu Dingen, die ich einfach gar nicht wissen konnte (vor allem mit meiner spärlichen Planung des Trips und ohne Karte).
Mein Umgang – ich habe mich entschieden, mich meinem Bauchgefühl und dem Leben hinzugeben. Ich bin keine religiöse Person, aber in diesem Prozess fühlte ich mich tatsächlich an ein gewisses Gottesvertrauen erinnert. Dieser Prozess ist mir nicht neu – sondern tritt häufig beim Reisen auf. Ich war aber beeindruckt, wie stark das Auftreten und dann aber auch die Auswirkung des Entschlusses zur Hingabe letztendlich waren.

 

c. Das idealisierte Bild, wie ich – sobald man alle äußeren Verpflichtungen und sozialen Einflüsse entfernt – in einem meditativen und friedvollen Zustand verweile.
So unglaublich verlockend. Ich kann mich immer noch in dieses Bild verlieben.

Aber natürlich war das nicht der Fall.
Teilweise sogar im Gegenteil – ich war überrascht, wie gedankenversunken ich beim Wandern schnell bin. Wie sich Gedankenkarusselle mitdrehen, die sonst in meinem Alltag weniger Raum haben.

Ich habe mich immer wieder in den Moment geholt. Ein Glück, sonst hätte ich meinen langersehnten Urlaub vermutlich in Gedanken an Alltagskonflikte verschlafen!! Trotzdem – auch diesen Druck, diesem idealen wandernden Zen-Buddhas zu entsprechen, musste ich mich entziehen. Und meine Gedankenschlaufen annehmen.

Und siehe da – letztendlich glaub ich, dass sich eine Ruhe und Klarheit dadurch einstellte, dass ich einigen Themen gedanklichen Raum geben konnte. Tadaaa. Umwege vergrößern die Ortskenntnis.

 

d. Definitiv eine großartige Erfahrung, die ich in diesem Rahmen mit möglichst wenig Selbstdruck und Erwartungen definitiv wiederholen mag. Ehrlich gesagt habe ich bereits nach Flügen geschaut. 🙂

 

e. Zentrales Take-Away ist das Gefühl des Vertrauens. Einfach ein unglaublich geiles Gefühl.

 

*Wem das neu ist: Couchsurfing.org ist eine Gemeinschaft Reisender und Weltoffener, die anstelle anonymer Hostels/Hotels/etc. ‚Fremden‘ einen Schlafplatz bieten bzw. angeboten bekommen.

2 thoughts on “Freude an der Reise mit sich selbst – ohne Karte und Begleitung in Schottland

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