Das Ende des Dilemmas ‚Konsumlust oder Nachhaltigkeit‘ – für (finanziell) arme Schlucker

Experiment: Konsumrausch stillen.
Tool: Kleidertausch.

Mein Kleiderschrank ist voll. Wann ich das letzte Mal richtig traditionell Klamotten shoppen war, weiß ich allerdings nicht mehr sicher.

Wie kann das kommen?

Ich hasse shoppen. Wirklich.
Die Menschenmassen, die sich durch enge Gänge schieben, ein hochkonzentrierter Jagdblick, kalkulativ und mit hoher Vorstellungskraft verbunden.

Und wenn dann das innere Bild positiv ausschaut: in eine enge Kabine, in der man alle Schichten Kleidung erst ablegen muss, um sich dann (nach einer häufig ambivalenten, stressbelasteten Entscheidung: Ist der Zugewinn an Freude gerechtfertigt für den Preis??) direkt wieder anzuziehen.

Und dann an die Kasse – häufig in Begleitung eines schlechten Gewissens. Schließlich weiß man ja auch, dass man damit schlecht bezahlte und menschenunwürdige Arbeitszeit mitkauft.
Und finanziell viel ausgiebt. Wieder ein schlechtes Gewissen.

Und oh weh – wenn sich der Deal mit der kurzzeitigen Belohnung und dem Geld nicht gerechnet hat. Wieder zurück, umtauschen. Ausgangssituation. Bis auf die investierte Zeit und Energie.

 

Abgesehen davon, dass die Verrechnung von Glück mit Geld etwas schwierig ist (da drückt mein wirtschaftswissenschaftlicher Hintergrund immer wieder sein Bedürfnis nach Kalkulieren und simplen Transaktionen aus), will ich nicht ausschließen, dass auch Objekte durch ihre Nützlichkeit und Ästhetik Freude im Alltag schenken können. Im Gegenteil.

Ich liebe neue Klamotten.

Deswegen hier eine Experiment-Anleitung, wie ihr die Freude am Konsum stillen könnt und trotzdem kein (oder wenig) Geld ausgebt. Und kein zweifelhaftes System unterstützt.
Vielleicht habt ihr noch Ideen, das Experiment zu erweitern?

 

[Experiment: Aufbau]

Schön, dass ihr euch angesprochen fühlt bisher.
Wie ist so eure Einschätzung? Wieviele Teile befinden sich in eurem Schrank (Socken und Unterwäsche ausgenommen, die würden ganz unfair die Zahl nach oben heben!!;))? Lust zu schätzen?

Ich habe selbst keine Ahnung, wieviel genau in meinem Schrank so geht.:D Definitiv mehr als es mein Minimalismus-Herz mag.

Aber was mir auch viel wichtiger ist als die Bezifferung: ich versuche immer einen Überblick zu behalten.
Darüber was ich eigentlich habe.
Und was ich eigentlich gar nicht mehr mag.

Ich miste kontinuierlich aus. Meist alle paar Wochen tue ich etwas zur Seite, wenn es irgendwie einfach nicht ‚passt‘.
Dieser beiseite gelegte Zwischenspeicher ist praktisch: habe ich mich getäuscht, kann es wieder in den Schrank. Wenn nicht, hab ich konstant was zum Abgeben.

So weiß ich auch, was ich bräuchte. Oder eben so ähnlich schon habe. Nicht dass mich das wirklich davon abhalten würde, einen sich ähnelnden Bestand noch zu erweitern.

Worauf ich hinaus will, ist: Ich empfehle, eine Übersicht zu haben.
Zu wissen, wieviel Kleidung man etwa braucht, um sich wohl zu fühlen.
Welche Teile sich hinten im Schrank verstecken und hoffen, nicht entdeckt zu werden – weil dann ihr Umzug droht.
Welche Kleidung man auch gerade für spezielle Lebensabschnitte braucht – wie z.B. Blusen und Hemden.
Und einen kleinen (!) Zwischenspeicher von Klamotten für das Ausrangieren zu haben.

Lagt ihr in etwa richtig mit eurer Schätzung?

[Experiment: Ablauf]

So, und wie befriedigen wir jetzt unsere Konsumlust mit kleinem Geldbeutel?

Da gehe ich meist schrittweise vor:

Schritt 1 – unkompliziert und eine kontinuierliche Quelle kleiner Schätze:
Ihr bekommt in eurem Umfeld mit, dass jemand ausmistet? Spitze! Bittet darum, ob ihr mal drüber schauen könnt. Bietet dasselbe anderen an.

Die Leute wollten es eh loswerden und du findest vielleicht ein, zwei Lieblingsteile, die dem sonst üblichen Jagdblick entgangen wären.
Auf jeden Fall ist es weniger überfordernd und meist auch mit weniger sich schiebenden Menschenmassen verbunden.

Hast du das Gefühl, damit für Irritation zu sorgen – weil du quasi in den Sublines deinen Finanzstatus kund tust?
Das kann natürlich sein.
– Vielleicht fängst du mit vertrauteren Menschen an.
– Eine Verknüpfung der Frage mit einem Kompliment à la „Ich mag deinen Stil echt gern – meinst du ich könnte die Kleidung mal durchschauen?“ ändert in meinen Ohren die Zwischenzeile ebenfalls schon gewaltig. Und das ist ja auch der Fall, wenn du jemanden fragst. 🙂
– Oder ein „Ach voll schade, dass so viel weg kommen soll – vielleicht kann ich ja noch etwas retten?“.

Meine WG hat gerade ausgemistet. Großes Fest.

Schritt 2 – spaßig und punktuell vielversprechend:
Meine liebste Form von Parties: Kleidertauschparties. Swapping nennt sich der Trend aus dem anglizistischen Raum, der aber in sich so simpel und sinnvoll ist, dass es das Trendlabel komplett entbehren könnte.

Das Konzept ist simpel: Menschen bringen was mit (aus dem oben beschriebenen kleinen Zwischenspeicher) und suchen sich was neues aus. Das Medium Geld wird einfach weggelassen.

Je größer, desto besser. Je mehr diverse Menschen, desto mehr Auswahl. Je mehr Kommunikation, desto mehr Ausprobieren und Spaß.

Manche mögen es auch etwas kleiner: Laura gibt hier Tipps, eine Party selbst auszurichten.
Manche mögen es öffentlicher: Auf Smarticular wird der schöne Anlass um noch einen weiteren ergänzt: ein Nachbar_innenschaftsevent. Ziemlich coole Sache.  (das könnte ich mir als ein weiteres eigenes Experiment vorstellen…:))
Und manche mögen es reguliert: Auf vielen Seiten lese ich Tauschsystemen in unterschiedlichen Formen, das das Mitgebrachte mit dem Mitgenommenen aufwiegt.

(Mich befremdet so eine Regulation eher. Weil es dieses Menschenbild beschreibt, das Zügellosigkeit und Gier beschreibt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich sehr gut selbst reguliert. Das viele froh sind, vieles loswerden zu können und eher zu volle als zu leere Schränke zuhause haben und deswegen ohnehin schon mit sich ringen, ob dieses oder jenes Teil jetzt mit muss. Ich hatte schon Parties, zu denen ich drei große blaue Säcke mitgebracht habe. Und es gab welche, an denen ich drei Teile mitgebracht habe. Mein Gott, das Leben ist nicht immer eins zu eins aufzuwiegen!:))
Findet am besten heraus, welche Party euch am meisten Spaß macht!:)

Angst vor noch mehr Gerangel und desaströsen Kämpfen um die neuen Stücke?
Entspann dich selbst und geh mit keinen Erwartungen hin. Es ist völlig offen, ob du was findest. Aber häufig ist man selbst überrascht.
Im Zweifelsfall lache die Mitstreiterin an und verbünde dich mit ihr, zusammen eine gute Zeit zu haben. Wer das Teil am Ende bekommt – ja, mei.

Herauszufinden, wo (gute) Kleidertauschparties stattfinden ist eine weitere Kunst:
– Greenpeace hat versucht das Angebot mal gebündelt zu veröffentlichen, nämlich hier. Die Datenbank ist zwar noch lange nicht vollständig, aber ein guter Anknüpfungspunkt: Auch für Organisator_innen der Events! Thumbs up!
– Ansonsten hilft Google tatsächlich am besten weiter. Verdächtige Veranstaltungsorte sind häufig linke Gemeinschafts- und Veranstaltungszentren.
– Und im Zweifelsfall: Such dir zwei, drei Mitstreitende (Facebook oder ein E-Mail-Verteiler deiner Region?), meld ne Demo für den nachhaltigen Lebensstil an (Bürokratie, wir lassen uns nicht unterkriegen!) und feier eine große Tauschparty auf dem Marktplatz. Fabelhafte Idee!

Ja, ich liebe sie sehr. Die Events, an denen ich meinen Konsumrausch in begeisternder und wohlwollender Atmosphäre befriedigen kann.
Die Liste außerwöhnlicher (und gewöhnlicher) Lieblingsstücke ist lang. Ein absolutes Highlight waren diese schönen hellbraunen, halb hohen Lederschuhe, die perfekt die Blusen in der Bank ergänzen. Als ich sie fand und mich freute wie ein Kullerkeks – da freute sich die vorherige Besitzerin deutlich sichtbar mit mir.
Genauso wie ich mich immer noch heute freue, wenn ich lange verschenkte Stücke in meiner Uni wiedertreffe. Hallo Kleidungs-Kreislauf.

P.S.: Weniger Event aber etwas kalkulativer und kontinuierlicher sind die Umsonstläden. Eine Liste dazu findest du hier.

Schritt 3 – das Finetuning des Kleiderschranks:
Du brauchst etwas sehr Spezielles? Und dir sind solche Events etwas unkalkulierbar?
Dann schau im Netz. Es gibt dort nicht nur dem Tausch-Konzept sehr ähnliche Websites (z.B. Tauschgnom, damit habe ich noch keine Erfahrung gemacht – ihr?), sondern auch richtig großes Kleidungs-Ebay (ohne die kommerziellen Händler_innen dazwischen): ich habe immer wieder viel Freude auf Kleiderkreisel. Da gibt es zwar auch die Option zu tauschen, in der Regel werden die Stücke aber preiswert verkauft.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eine ganz nette Form sein kann, neue Kleidung zu kaufen. Gerade gute Schuhe oder andere spezielle Materialien (vor meiner Wanderung hab ich da einmal das Merinowoll-Angebot leer gekauft). Oder einfach sehr spezielle Dinge wie eine Winterjacke.
Verkaufen ist mir da allerdings persönlich zu anstrengend. Und mir fehlt die Freude des Verschenkens.

 

[Fazit]

Es lohnt sich Konsum umzudenken. Weil es anders auch einfach mehr Spaß machen kann.
Es lohnt sich, den Pool an existierenden Ressourcen als gemeinschaftlichen Pool wahrzunehmen und da rein zu geben und daraus zu nehmen.
Es lohnt sich, in Kontakt mit Menschen zu treten, die das auch so wahrnehmen.
Und vor allem lohnt es sich für deinen Kleiderschrank, die Konsumfreude und deinen Geldbeutel.

Wenn man Kleidung als Teil eines gemeinschaftlichen Pools ansieht, dann geht mensch auch anders mit ihr um. Lernt kleine Löcher zu stopfen. Überlegt, ob  das ein oder andere nochmal leicht umgeändert werden könnte und dadurch wieder deutlich attraktiver werden würde. Übernehmt Verantwortung für euer Hab und Gut. Verantwortung kann auch Spaß machen.:)

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