Warum ich Konflikte liebe (und wie wir uns noch konstruktiver streiten können)

Experiment: konstruktive Konfliktkultur.

Ich möchte schon seit ein paar Wochen über eins der Themen sprechen, die mich gleichermaßen fesseln und beängstigen: Konflikte und der Wandel meiner Konfliktkultur.
Kurz nachdem ich den Entschluss fasste, den Text zu schreiben, häuften sich mehrere bedeutungsschwere Konflikte in meinem Leben und weckten Zweifel.
Zweifel, ob ich überhaupt in der Position bin, über dieses Thema etwas zu veröffentlichen. Hallo innere Kritikerin.

Warum mache ich es trotzdem?
Ich befinde mich hier auf einer Experimentreise. Ihre Hochs und Tiefs und ihre Dauer und schlechte Messbarkeit ist exemplarisch. Gerade Konfliktverhalten geht über übliche Gewohnheiten hinaus. Es kann fundamental bedrohlich sein. Oder sich zumindest so anfühlen.

Dieser Text soll an die Geduld mit sich selbst appellieren (hör gut hin, innere Kritikerin!). Zeigen, dass einige Experimente nicht stringent verlaufen. Und ich trotzdem daran glaube, dass kontinuierliche Veränderung möglich ist.
Eine Experiment-Expedition.

[Vorgeschichte]

Vor etwa einem Jahr hatte ich einen ziemlich üblen Streit.
Es war wie im Rausch.
Keine kaputten Tassen, aber emotionale Scherben.
So viel Gegeneinander und Angst. So viele Grenzen überschritten und trotzdem Sehnsucht nach Nähe.
Destruktiv ohne Rücksicht auf Verluste.

Schockierend. Sowas wollte ich nicht mehr wiederholen. Also habe ich die Rahmenbedingungen geändert.
Habe mich der Dynamik entzogen und mich selbst aus dem Strudel von Kampf und Widerstand befreit.
Habe angefangen, für mich selbst zu sorgen.
Angefangen zu meditieren. Jeden Tag. Meine Begeisterung teile ich hier.
Ich habe mich zur Mediatorin ausbilden lassen. Nicht nur ein Lernen von Instrumenten und eines Berufs, sondern auch ein begleiteter innerer Prozess.

(Fast) ein Jahr später: In der Silvesternacht sitze ich mehrere Stunden in einem Aachener Treppenhaus. Beschäftigt mit Konfliktlösung.
Es gibt Emotionen. Und Mauern, die mich darin festhalten.
Auch Druckmomente und Hilflosigkeit.
Der Anfang vermeintlich unverhältnismäßig zum weiteren Verlauf. Das Ende aufgebracht und laut und verletzend.

Meine Krux: Gespräche beenden oder unbestimmt verschieben ohne ein Gefühl von Sicherheit und Nähe fühlt sich zeitweise fast unmöglich an.

Ich erkenne Muster. Ich erkenne Ähnlichkeiten. Und sicherlich gab es auch Zeifel darüber, wo die Veränderung des letzten Jahres hin ist.

Und trotzdem sehe ich sie. Ich entdecke sie in der Weise, wie ich Verantwortung dafür übernehme, wie ich mich fühle. Das Gegenüber noch wahrnehme. Weniger Rausch(en).

[Aufbau]

Dieses Experiment beleuchtet einen Teil des Seins und miteinander Seins, der sehr viel Bedeutungsschwere für unsere Gemeinschaft und jede einzelne Beziehung in sich trägt.
Jede_r kennt Konflikte.
Jede_r hat irgendeine Form gelernt damit umzugehen.

Manche ziehen sich zurück: sich-zeigen ist gefährlich. Konflikte werden eher schweigend ausgestanden.
Manche explodieren und greifen an: Kampf ist sicherer als Flucht.
Und manche Kombinationen aus Konfliktpartner_innen birgt das Potenzial, alles zu intensivieren.
Welcher Konflikttyp bist du?

Konflikte wirken bedrohlich. Klar.
Man steht in der Gefahr, die eigenen Bedürfnisse unbefriedigt zu wissen oder sogar für möglicherweise identitätsstiftende eigene Anteile kritisiert und angegriffen zu werden.
Im schlimmsten Fall läuft man sogar Gefahr, die Beziehung zu gefährden.

Genau solche Konfrontationen gibt es auch aktuell in meinem Leben. Und ich sage euch trotzdem:
Konflikte bergen Potenzial wie kaum eine andere Interaktionsform. Wachstumspotenzial wie kaum anderer Dünger – für einen selbst und für die Beziehung – und einen Spiegel wie ein Röntgengerät in Form eines Schlafzimmerspiegels. Oder ein emotionales MRT. Oder…- Ok, you got it.

Was braucht es also für Rahmenbedingungen, um dieses Experiment aufzusetzen?

Eine Haltung:
Ich glaube, dass dieses Experiment eine signifikante Grundvorraussetzung braucht.
Um die Unsicherheit zu halten;
Sich selbst beobachten zu können;
Die Verantwortung für Gefühle und Handlungen übernehmen zu können;
Und um wirklich im Sinne eigenen Wohlergehens zu handeln.

Eigenes Wohlergehen und bessere Konfliktlösung? Hä? Was bringt es denn jetzt, wenn man die Ego-Keule herausholt?

Ok, ich konkretisiere.
Und frage dich, ob du den Eindruck hast, dass, wenn du im Affekt und nach eingeübten Mustern reagierst (was man bei Konflikten ja zumeist tut), wirklich zu deinem eigenen Besten handelst. Führt das Mauern, das Fliehen, das Angreifen… dazu, dass du und dein Gegenüber sich so sicher fühlen, dass gemeinsam nach Verständnis und Lösungen gesucht werden kann?

Erinnere dich an deinen letzten Streit. Erinner dich an deine eigene letzte Situation, in der du – wie ich vor einem Jahr – im Emotions-Rausch Dinge tatest und sagtest, die keinerlei konstruktivem Kriterium standhalten würden.

Ist länger her? Super! Bist du auch auf der Konfliktexpeditionsreise? Wo befindest du dich?
Noch nicht so lange? Auch gut – dann ist der Anlass noch frisch genug für weiteren Veränderungs- und Ausprobiergeist.

Diese Voraussetzung nenne ich einen gewissen Grad an Selbstvertrauen und -achtsamkeit. Eine Ehrlichkeit zu sich selbst. Und eine respektvolle Grundhaltung.

Das Instrumentarium:
Die Gewaltfreie Kommunikation (ein Tool, das mich schon vor geraumer Zeit ziemlich geflasht hat!) schlüsselt auf, wie ein bedürfnisorientierter Umgang miteinander funktionieren kann.
1 Zuerst wird eine schlichte, wertungsfreie Beobachtung vorangestellt.
2 Dann geht es darum, die eigenen Gefühle zu sehen, anzunehmen und zu benennen.
3 Dann die Frage – was steht da für ein Bedürfnis dahinter, das unbefriedigt ist?
4 Und letztendlich die Äußerung einer konkreten Bitte.

Mit dieser Methode im Hinterkopf hat man sowohl mehr Möglichkeiten der Empathie als auch des Selbst-Ausdrucks.

Zwei Szenarien:

Szenario 1 (Die Wolfsversion)// Ich versuche mich echt lange zusammen gerissen. Und mir meinen Frust nicht anmerken zu lassen. Natürlich kriegst du es trotzdem mit. Ich stichel und provoziere. Finde alles irgendwie kacke, das du machst.
Und plötzlich explodiere ich: Vorwürfe.
Wie konntest du nur so ignorant handeln?
So selbstsüchtig?
Hast du nicht gesehen, wie es mir damit geht?
Kein Wunder, dass die meisten Menschen nicht mit dir klarkommen!

Wie geht’s dir?
Innerlich immer noch ausgeglichen? Oder gibt es einen kleinen Teil, der sich schon geregt hat, um sich gegen die Ungerechtigkeit zu wehren?

Und wie meinst du geht es [mir]*? Besser?
Meinst du wirklich, dass es [mir] im Kern um Konflikt, Reibung und darum, mal richtig schön draufzuhauen, ging? Nein? Was könnten eigentliche Bedürfnisse von [mir] sein? Verbindlichkeit? Nähe, womöglich?
Und dann die zentrale Frage: Bin [ich] mit [meinem] Ausbruch diesen möglichen Bedürfnissen einen Mini-Millimeter näher gerückt…?

Dabei ist es ja total legitim, dass [ich] wütend bin. Und du es vermeintlich gerade auch wirst. Emotionen sind da und spiegeln dir schlicht eine körperliche Reaktion wieder. Häufig antrainiert und manchmal sogar eine Form von Suchtmittel. (das hier nur am Rande: ich empfehle sehr die Lektüre von Dr. Joe Dispenza)

Sie anzuerkennen und wahrzunehmen, ist genau die Ausgangsbasis, um dasselbe ganz anders zu artikulieren:

Szenario 2 (Die Giraffe spricht)// Vorhin beim Losgehen hast du innerhalb von zehn Minuten etwa zehn Fragen bezüglich der Beziehungen zu Ilona, Markus und Hanna gestellt. Ich fühle und fühlte mich davon nicht nur irritiert, sondern auch unter Druck und ärgerlich. Das steht damit in Zusammenhang, dass mir gerade das Thematisieren von diesen Erinnerungen schwer fällt und ich da einen gewissen Raum und Einfühlungsvermögen brauche, um mich wohl zu fühlen. Ich wünsche mir, dass du mich vorher fragst, ob es ok ist, darüber zu sprechen, und dass wir für so ein Gespräch einen Zeitpunkt wählen, an dem mindestens eine halbe Stunde Zeit und ein ungestörter Raum besteht. Meinst du, du könntest mit mir das nächste Mal darauf achten?

Das hat eine ganz anderer Energie. Es geht darum, gemeinsam ein Problem und eine Situation zu lösen und nicht den_ie Andere_n in eine Reaktionsposition zu drängen.
Es geht auch darum, darauf zu vertrauen, dass die andere Person ein Interesse an deinem Wohl hat.

Ich habe diese Kommunikationstechnik vor etwa 7 Jahren kennengelernt. Und trotzdem fallen mir viele Punkte immer wieder außerordentlich schwer. Das motivierendste ist, die Veränderung zu sehen und zu erleben. Es lohnt sich, das auszutesten.
Das Auseinander-Dröseln von Wertungen und Beobachtungen, von Gefühlen und Verantwortungszuweisungen und von Bitten und Aufforderungen ist in sich schon ein spannender Prozess. Ich benutze manchmal sogar etwas nerdy ne App… ( die hier)

Also: Der Rahmen des Experiments besteht aus zwei Säulen. Die eine ist ein guter Draht zu sich selbst und die andere ein kommunikativer Werkzeug-Koffer.

[Ablauf]

Mir hilft und hat es geholfen, ein klareres Bild eigener Muster und Farben in dem ganzen Rahmen „Konflikt“ zu gewinnen.
Was ist ein regelmäßiger Auslöser für Konflikte?
Was steht dahinter für ein Bedürfnis?
Wie reagiere ich auf welche Formen der Kommunikation?
Was ist das Bedrohlichste, das passieren kann in einem Konfliktgespräch?
Wie kann man trotz Konflikt Sicherheit gewinnen – in der Beziehung und in sich selbst?

Konflikte kommen von ganz alleine. Entweder weil man selbst Irritationen bei sich bemerkt oder weil sie an einen herangetragen werden. In beiden Fällen ist man Teil des Konflikts, wenn man (aus welchen Gründen auch immer) an der Fortführung der Beziehung interessiert ist.

Und dann geht der Spaß auch schon los. Es gibt Emotionen. Es gibt Artikulationsversuche. Und es gibt Schritte in die eine Richtung und – gerade wenn das so gar keine konstruktiven Folgen hatte – Schritte in die andere Richtung.

Nachjustieren ist total ok!
Es ist kein linearer Prozess. Sondern – wie immer beim Experimentieren – die Umsetzung einer Idee. Gefolgt von einem Prozess des Nachjustierens und der neuen Ideengenerierung.

Und wenn es mal nicht gut lief: Das ist ok. Du bist ok. Ich bin ok. Es ist verdammt nochmal so grundlegend menschlich, Zeit für Entwicklungen zu brauchen.
Ich plädiere für Nachsicht (das geht an alle innere Kritiker_innen!).

Und eine weitere wesentliche Grundannahme: Manche Menschen passen einfach nicht zusammen. In ihrem Konfliktverhalten. Sicherlich kann man viel (aus-)halten und in diesem Austausch ganz besonders stark wachsen.
Manchmal ist es aber auch einfach das Gesündeste, Menschen ziehen zu lassen oder Grenzen zu ziehen. Ich habe gelernt, dass dies besonders relevant bei mir ist, wenn mein Bedürfnis nach Unverbindlichkeit unerfüllt bleibt – auch im Konflikt.
Wo liegt eure Grenze?

Lernenlernenlernen. Die geballten Lektionen von Konflikten und (in der pastelligen Variante) Auseinandersetzungen lehren dich soviel über dich selbst.
Deswegen liegt soviel Entwicklungspotenzial in (Liebes-)Beziehungen. Oder gemeinschaftlichem Zusammenwohnen.
Meine Ausbildung zur Mediatorin gibt dem ganzen nochmal eine besondere Würze. Eine besondere Möglichkeit, selbst zu wachsen und andere zu unterstützen.

[Fazit]

Dieses Jahr war mein Silvesterfest sehr intensiv. Manche schreiben oder reflektieren im Dialog darüber, wie sich das Jahr für sie entfaltet hat.
Mir hat das Leben einen lebhaften und erlebten Vergleich geboten.

Es war anstrengend.
Und es gibt auch etwas Wehmut darüber, das Jahr so begonnen zu haben.
Aber ich fühle auch Dankbarkeit. Und Nähe.
Ich spüre Zuversicht für die anstehende (Weiter-)Reise.
Und Neugierde.

Ich liebe Konflikte. Und hasse sie.
Weil sie mich immer wieder mit mir selbst konfrontieren.

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