Allergisch gegen Nahrung – (m)ein Weg zu einem freundschaftlichen Verhältnis mit meinen Unverträglichkeiten

Essen
Experiment: Akzeptanz.

Ich lebe seit fast zehn Jahren vegan. Da das noch vor dem großen Vegan-Hype war, galt ich in den Augen anderer schon immer als etwas kompliziert, wenn es ums Essen ging.

Dieses Jahr wurde das Essen das erste Mal wirklich kompliziert – auch für mich.

Es bröckelten nach und nach Optionen weg. Und es blieb erstmal nicht mehr so viel übrig.

Und trotzdem beschreibe ich hier ein Freundschaftsverhältnis.

Dieses Experiment unterscheidet sich von den anderen. Es ist anders, weil ich es nicht freiwillig eingegangen bin. Mein Körper war sehr deutlich in seiner Dysfunktionalität und meinen zunehmenden Gewichtsverlust konnte ich nicht länger ignorieren.

Es unterscheidet sich auch, weil ich keinen Abschluss in Form einer eindeutigen Lebensmittel-Liste finden werde. Nur wackelige Gerade-Ist-Es-So-Ok-Zustände. Ein aktuelles Optimum.

Und weil diese äußeren Bedingungen so stressig sind zu definieren – für euch und für mich – gibt es hier einen Reisebericht, wie ich mich innerlich von einem Zustand absoluter Panik zu einem freundschaftlichen Arrangement, einem freundlichen Geben und Nehmen, mit meinen Unverträglichkeiten bewegt habe.

[der Aufbau – oder wie sich die Rahmenbedingungen setzten]

Ich muss bei der Geschichte ein halbes Jahr vor meinem Ärzt_innen-Marathon ansetzen. Ich war reisen – und habe mir einen Durchfall eingefangen. Vermutlich durch einen Moment der Faulheit und des unbedachten Wasserkonsums (kein Süßwasser vom Strand mehr! Oder – meine persönliche Schlussfolgerung, die Momente der Faulheit auch weiterhin einkalkulierend – nur noch Wasserfilterwasser!).

Jedenfalls gab es dann dieses Durchfall-Problem. Ich dachte natürlich das geht schon wieder weg. Jedenfalls bestand noch lange kein Anlass eine Ärztin aufzusuchen.

Ging es jedoch nicht.

Nach drei Monaten beschloss ich, eine relativ gründliche und vor allem lange Darmreinigung von etwa zehn Wochen zu machen. Meine Form damit umzugehen. Ärzt_innen werden weiterhin gemieden.

Es gab viele positive Effekte dadurch: ich habe die Magie davon kennengelernt, auf Zucker zu verzichten. Ich habe meine Nahrungsaufnahme bewusster gestaltet. Habe deutlich rhythmischer gegessen. Habe prinzipiell auf Nahrungs-Müll verzichtet (und das obwohl ich das Meiste containert habe!;)). Es gab keinen Alkohol, was auch spannende und bereichernde Auswirkungen auf mein Sozialleben hatte.

Wer blieb war der Durchfall.

Eine gute Übung in Akzeptanz und im Umgang mit Schmerzen.

Aber natürlich eigentlich eine riesige und ziemlich zentrale Baustelle.

Ok, also bin ich nach sechs Monaten doch zur Ärztin. Yay. Der Körper hatte den Kampf gewonnen.
Und dann bekam der Kampf einen Titel.
Und dann noch einen.
Und noch einen.

Erster Akt: „Ihre Bauchspeicheldrüse arbeitet insuffizient.“ – schreibt diese deterministische Diagnose auf einen kleinen Zettel – „Googeln Sie doch bitte, was das für Sie bedeutet. Ich verschreibe Ihnen hier xy [die innere Veganerin war entzückt: diese Enzymetabletten werden aus Schweinemägen gewonnen]. Da nehmen Sie jeweils eine zu jeder Mahlzeit.“ Googel, die Optimismusbombe: das bedeutet einen lebenslänglichen Verzicht auf fettige Nahrung plus den Genuss von ein bis drei dieser Schweinepillen – pro Mahlzeit.
Byebye, geliebtes fettiges Essen. Hier musste ich fast noch lachen, denn ich hab einen gewissen Ruf als (vegane) Mayo-Queen.

Zweiter Akt: Leider gab es keinen positiven Effekt durch die Fettreduktion und Schweineenzympillen-Einnahme. Da ich deterministische Diagnosen, die mir mithilfe Googels nahe gebracht werden, als weniger vertrauenswürdig wahrnehme, bin ich eine Hausärztin weitergezogen. Mein Misstrauen in Ärzt_innen blieb ungebrochen.

Die Neue fühlte sich inspiriert, einen Fruktoseverträglichkeitstest (dieser Text bietet viel Potenzial für bombastische Worte!) mit mir und meinem Körper zu machen. Zeitaufwendig. Aber nagut. Glaubte ich eh nicht dran. In meinem Kopf hatte ich immer noch einen Infekt oder Parasiten durch das spanische Strandwasser.

Ja, schade.

Das Ergebnis war positiv.

Was bedeutet das? – „Also das schließt erst einmal alles Obst und süße Gemüse aus.“ Wie jetzt, alles Obst und Gemüse?? „Sie können ja noch Getreide essen.“

Dieser Akt schloss mit vielen Tränen. Manchmal fühlt man sich von seinem Körper so richtig hart verarscht. Und dass man die Wut noch nicht mal auf jemanden projizieren kann, macht es nicht besser!

Zweieinhalbter Akt – ein Zwischenspiel: Der Frust-Faktor war enorm hoch. Von meinem Veganismus war ich einfache Ja-Nein-Ausschlüsse gewohnt. Fruktose schien diese Antworten nicht zu liefern. (Vielleicht hatte ich die falschen Fragen gestellt?)
Man kann nach einem Lebensmittel suchen und wortwörtlich auf drei Internetseiten drei (wenn nicht sogar mehr) verschiedene Antworten finden. Die sich auf einer Skala von „geht gar nicht“ bis zu „möglicherweise möglich“ bewegen. Und dann gibt es da noch die Sache mit der Karenzzeit – ähnlich wie bei Rechtsschutzversicherungen lässt man konsequent alles weg, das ansatzweise problematisch sein könnte, bis man beschwerdefrei ist und testet im Anschluss die eigenen (und mageninternen) Grenzen.

Ich wurde leider nicht beschwerdefrei.

Dritter Akt: Die Überforderung dauerte etwa eine Woche an. Ich reduzierte meinen Speiseplan um etwa 90%. Reis war mein_e beste_r Freund_in. Mein Ziel war Beschwerdefreiheit.
Und dazu ging ich im nächsten Schritt dann einfach noch weiter: Fruktose bringts nicht? Dann lass ich jetzt halt auch noch Gluten weg!

Nach drei Tagen hatte ich mehr oder weniger dieses Ziel erreicht. Beschwerdefreiheit.

Juchhuu.

Und: So ein Mist.

Vegan. Fett. Fruktose. Und Gluten.
Richtig harte Nummer.

Und dann gabs da noch einzelne Lebensmittel, die auch recht durschschlagend waren: rote Linsen. und Kichererbsen z.B.. Passte nicht in das System. Hat den Braten jetzt aber auch nicht mehr fett gemacht (fetten Braten hätte ich ja auch nicht vertragen;)).

 

[der Ablauf]

Ok, also ich hatte diese Grundvoraussetzungen und zumindest das erste Mal einen Weg, der offenbar zu Schmerzfreiheit und einer Funktionsfähigkeit meiner Verdauung führen konnte.
Jetzt war da immer noch dieser große Unmut. Die Überforderung. Und der Frust.

Ich musste damit umgehen. Ich musste ja essen.

Nur wie?

Der erste Schritt war zu sehen, dass ich immer noch die Wahl hätte, was ich esse – und sich nur die Kosten, einige Lebensmittel zu konsumieren, deutlich erhöht hatten. Damit meine ich nicht die monetären Kosten. Sondern die gefühlten Kosten in Form von Schmerzen und Unbehagen.

Dann habe ich gedanklich meinen Speiseplan erstmal fast auf null gesetzt. Das heißt, ich bin davon ausgegangen, erst einmal nichts mehr zu vertragen. Und habe mich dann wieder vorgewagt.
Ich habe mit Reis angefangen. (Zitat von einem Freund: „als der Hund meiner Eltern das mal hatte, hat er Reis und Hühnchen bekommen.“)
Dann hab ich Blattgemüse wie Spinat und Wirsing dazu genommen.
Kopfsalat und Gurke gehen auch ganz gut (-sind ja auch nur eine grüne Form von nahezu ausschließlich Wasser!).
Zwiebeln.
Mandeln.
Reis gibt es in diversen Formen, habe ich festgestellt. Reiswaffeln. Reismilch. Reis in herzhaft. Reis in süß. Reis zum Frühstück. Reismehl. Reisreisreis.
Dann noch andere glutenfreie Getreide: Mais in diversen Variationen, Hirse, Amaranth, Quinoa, Buchweizen.
irgendwann nahm ich noch Auberginen, Champignons und Zucchini dazu. In Maßen.
dann probierte ich mich durch einige unvegane Lebensmittel.
Kartoffeln und (ein Moment der Glückseligkeit!) Kürbis gehen auch.

Und so testete ich mich durch einen Wald aus Möglichkeiten und Fallen, Annahmen und Neuauflagen der Annahmen. Konstantes Experimentieren.

Dabei war es unglaublich wichtig zu wissen, dass ich immer wieder zu meiner Komfort- und Beschwerdefreiheitszone zurückfinden konnte, um Reaktionen meines Körpers überhaupt einer Mahlzeit zuordnen zu können.
Das schenkte mir die Disziplin der Selbstfürsorge, die man auf so viele Ebenen übertragen kann. Selbstfürsorge. So eine wichtige Sache.

Dabei brauchte es vor allem Disziplin in sozialen Situationen. Überhaupt nicht hilfreich für die Akzeptanz der Situation waren und sind mitleidige Reaktionen des Umfelds.
Und ganz ehrlich – Soziale Normen sind manchmal so eng, dass ich sie regelmäßig abwandeln muss. Ist euch mal aufgefallen, welche Getränke ‚legitim‘ sind, konsumiert zu werden, wenn mensch „sich auf ein Bierchen o.ä. trifft“? Und welche eher irritieren?
Meine Theorie: Getränke erhalten ihre Legitimation durch die Glasflasche. Wenn kein Bier (‚der Klassiker‘) getrunken wird, dann Limonade. Oder Mate. Oder alkoholfreies Bier. Notfalls. Aus oben genannten Gründen sind die alle weggefallen. Wenn ich mal in der Stimmung für (oder nicht genug in der Stimung gegen) Alkohol war, dann gab es noch die Option auf diese kleinen Prosecco-Flaschen. Stößchen.
Die beste Variante für mich ist Tee. Neulich wurde ich daraufhin gefragt (und das damit das erste Mal in meinem Leben!!), ob ich schwanger sei.

Sehr hilfreich waren Momente des gemeinsamen Kochens, in denen mein Gegenüber aus meiner Liste mit Möglichem einfach kreativ gedanklich was mit mir zusammenstellte.

Ich wurde und werde gezwungen mich immer wieder zu positionieren. Und Nein zu sagen.
Meine Güte, wie oft ich Nein sagen muss. Das kann man nicht oft genug sagen. Und bringt mich auch nach mehreren Monaten Training immer noch jenseits meiner Komfortzone.
Nein. Nein, danke. Nein, aber lieb, dass du fragst. Och ne, danke. Nein. Neinneinnein. Nein, für mich nicht, danke. Nein, ich möchte gerade nicht drüber sprechen, es ist komplizierter. (Um dem Reis-Ohrwurm entgegenzuwirken: Nein!)

Das stärkte das Thema ‚Abgrenzung‘.

Und dann gibt es da noch die Ebene der körperlichen Selbstbeobachtung. Nachdem ich ein halbes Jahr gelernt hatte, mit Schmerzen und Beschwerden zu funktionieren, musste ich jetzt wieder lernen die Dysfunktionalität wahrzunehmen. Denn das ist der einzige Experiments-Erfolgsindikator.

Dazu hatte ich schon Anfang des Jahres eine wunderbare Hilfestellung (wieder)gefunden und lieben gelernt. Ich habe seit Anfang 2017 jeden Tag morgens meditiert. Manchmal auch noch abends. Oder nachmittags. Aber mindestens morgens.
Oder mich zumindest hingesetzt und mir eine halbe Stunde nur dafür genommen, nichts erledigen und tun und denken zu MÜSSEN und einfach nur zu sein und mich damit in Verbindung zu bringen. Der Titel „Meditation“ weckt häufig bereits Vorstellungen und Assoziationen. Und erstaunlicherweise Druckgefühle. Über eine druckfreie und Neugierde-basierte Form des Kennenlernens habe ich hier was für euch.

Und was hat jetzt Meditieren mit Durchfall zu tun, mag sich der_die aufmerksame Leser_in fragen?

Vielleicht kennt ihr das. Ihr seid mit einer Gruppe Menschen unterwegs und redet und amüsiert euch und plötzlich werdet ihr gefragt, wie es eurem entzündeten Knie gerade geht. Oder wie euer Hungergefühl ausschaut.
Und ihr müsst erst einmal innehalten und könnt gar nicht unmittelbar eine Momentaufnahme liefern.

Man hat sich völlig in einem spannenden Buch oder Film verloren und merkt erst nach einer ganzen Weile, dass euer linker Fuß komplett eingeschlafen ist.
Keinerlei Gefühl mehr.

Oder vielleicht eine dumpfe emotionale Sensation, die sich weit, weit weg regt und zu der ihr kaum einen Zugang bekommt.

Vielleicht kennt ihr das ja auch nicht. Ich finde es auch eigentlich gruselig, dass man sich so sehr im Außen und/oder in seinem Kopf verlieren kann, dass man simple Körpersensationen nicht mehr mitbekommt.

Diese Zeit morgens (oder abends oder auch mal zwischendurch) ist wie ein Training. Es trainiert die Wahrnehmung der momentanen Körperzustände und setzt den Fokus bewusster.
Die Wahrnehmungsspanne verändert sich.
Und deswegen hilft es mir, mich durch diesen Wald an Lebensmitteln in Reaktion mit meinem Körper zu fühlen. Mein Indikator-Behagenstest.

Mein ‚Kampf‘ hatte also recht lehrreiche Nebeneffekte. Disziplin. Abgrenzung. Und eine erweiterte Wahrnehmungsspanne.
Und irgendwie war es dann auch weniger Kampf mit meinem Körper. sondern eher für ihn.

 

[Zwischenfazit]

Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, meine Unverträglichkeiten und ich.
Ich gestehe ihnen eine einflussreiche Rolle in meinem Leben zu. Aber stelle sie auch nicht in den Mittelpunkt.

Manchmal erinnern sie mich an ihre Anwesenheit, indem sie mal wieder das Es-Ist-Gerade-So-Ok-Equilibrium etwas anstupsen. Dann gehe ich wieder in eine aktivere Testphase.
Manchmal habe ich Momente – wie neulich mit einer Dattel – in denen ich mich schelmig fühle und leicht provokant teste, ob mein Körper das wohl mitbekommt. Diese eine kleine Dattel. (Bekam er leider)

Ich selbst bin damit friedlich. Es meinem Umfeld nahe zu bringen, fällt mir immer noch schwerer. Und damit klar zu kommen, als kompliziert einkategorisiert zu werden. Nach so vielen Jahren dann doch.

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