Wieso es sich lohnt, auf Zucker zu verzichten – trotz Schokoglück

Experiment: Zuckerfrei.

Zucker.

Süß und zäh und klebrig und in allen Formen und Farben Teil unseres Belohnungssystems.

Wie ist dein Verhältnis zu Schokolade? Lockt sie und verführt sie dich immer wieder bei jeder erstbesten Gelegenheit, sodass du dich ihr ausgeliefert fühlst und dann eigentlich gar nicht sicher bist, wer hier wen vernascht?
Und gleichzeitig beäugst du diese Beziehung mit Argwohn und hast das Gefühl irgendwie keinen guten Deal rausgehandelt zu haben?

Sehr gut, dann habe ich diesen Text für dich geschrieben.

Ich beschreibe euch hier ein Experiment, das vor einem Jahr anfing, als ich für ein paar Wochen aufgrund einer Darmreinigung eine ziemlich cleane Diät einhielt. Genaueres über den Hintergrund dessen findet ihr hier.
Das umfasste unter anderem: kein helles Mehl/Getreide und kein Zucker. Ich hatte nicht damit gerechnet, was das für Auswirkungen haben würde.

[der Experiment-Aufbau]

Ich hatte einen Zeitrahmen für die Reinigung von zehn Wochen angesetzt und mir dafür eine Anleitung gesucht und sie hier gefunden. Neben unterstützenden Mitteln – in dem Fall Bentonit, Flohsamenschalen und einem Probiotikum – wird in dem Zeitraum auch mit einer möglichst giftfreien Nahrungszufuhr und vel Flüssigkeit unterstützt.

Also eben auch kein Zucker.

Ich habe in erster Linie auf alle industriell verarbeiteten Zucker verzichtet und meinem Süßhunger z.B. mit Trockenfrüchten entgegen gewirkt. Einige würden sagen, dass das Schummeln ist – ich habe den Effekt trotzdem schon deutlich gemerkt.

[der Experiment-Ablauf – wie war das so?]

Hart. Zumindest die erste Zeit. Das vor allem aus zwei Gründen:

1. es ist verdammt nochmal ÜBERALL Zucker drin! Selbst im Senf! Und in Gemüsebrühe! Und in (vielen) veganen Aufstrichen! Selbst in Babynahrung…!!!
(An der Stelle würde ich gerne eine kritische Frage an eine verantwortliche Entscheidungsstelle dieser Gesellschaft stellen – weiß aber (mal wieder) gar nicht genau, an wen –  die Politik (mal wieder) oder die Nahrungsindustrie oder letztendlich doch wieder wir als Verbraucher_innen…?)

2. Wenn man das tatsächlich ein paar Tage durchzieht, dann lernt man etwas kennen, das die meisten in der Mitte der Gesellschaft eher seltener erleben:
einen kalten Entzug. Mit potentiellen Kopfschmerzen. Mit phasenweise leichtem Schüttelfrost. Aber vor allem mit richtig viel gedanklicher Auseinandersetzung, wie lohnenswert doch jetzt ein Moment der Inkonsequenz wäre…
Das dauert etwa 1 – 3 Tage. Danach hat man die körperliche Abhängigkeit erstmal überwunden.

Schockiert euch meine Beschreibung jetzt? Hättet ihr eurer Schokolade nicht derart viel Suchtpotential zugetraut? Oder denkt ihr euch, dass das euer Verhältnis jetzt wirklich etwas dramatisiert? Habe ich jetzt womöglich Druck erzeugt?

Das war tatsächlich nicht meine Absicht. Änderungsdruck ist sinnlos und macht einfach keinen Spaß.

Und hier haben wir ja eine harte Gegnerin bei der Spaß-Punktevergabe: Die Schokolade zieht alle Register der Verführung auf mit ihrer sanften, schmeichelhaften und klebrigen Art.

Deswegen beschreibe ich euch jetzt, was ich danach beobachtete. Und das mache ich am besten anhand des Moments als ich wieder etwas Zucker zu mir nahm (in Form von ein, zwei Teelöffeln Honig – das heißt wir sind hier noch nicht mal bei dem bösen, bösen weißen Haushaltszucker angekommen!). Vielleicht ist dann wieder die Lust am Austesten geweckt.

Es sollte inzwischen deutlich geworden sein, dass ich ein sehr großer Fan von (täglicher) Meditationspraxis bin. Das hat mir im letzten Jahr einen Zugang zu mir selbst ermöglicht, den ich vorher nicht mal ansatzweise hatte (mehr dazu habe ich hier geschrieben).

Beim Meditieren ist es ja ohnehin meist so, dass das ein eher unlinearer Prozess ist. Dass es mal besser ‚klappt‘ mit dem Konzentrieren und mal weniger. Dass man manchmal eine halbe Stunde mit intensivem Austüfteln einer Idee verbringt und gar nicht in den Zustand des vergegenwärtigten Seins gelangt. Das passiert dann womöglich das nächste Mal wieder total mühelos, mit dem Sein im Moment.

Also – alles manchmal recht unvorhersehbar und auf jeden Fall kein Moment, um mit der inneren Perfektionistin zu interagieren.

Zurück zu den Löffeln Honig. Was haben die mit der Meditation zu tun?

Die Meditation nutze ich hier als Indikatormessung.

Denn da fiel es mir das erste Mal auf!

Ihr könnt euch das so vorstellen:
Euer neuer Fernseher hat ein richtig gutes Bild. Gestochen scharf. Brillante Farben. Superschnelle Übertragung. Das Programm ist vielleicht immer noch zweifelhaft in seiner Qualität, aber das Bild – astrein.

Plötzlich wird der Anschluss gestört. Hat sich jemand in eure Antenne geklinkt? Gibt es eine Betreiber_innen-Störung?
Ihr wisst es nicht. Aber was ihr seht ist extrem anstrengend: das Bild ist abhackt. Die Farben gehen regelmäßig ins Graue oder sind völlig überzogen und verfälscht. Und über allem liegt so ein Flackern und Rauschen.

Ihr wackelt ein bisschen an der Antenne, am Anschluss und macht dann die Kiste aus. Und seid vielleicht frustriert, weil ihr euch das so nicht mit eurer neuen Anschaffung vorgestellt hattet.

So ähnlich ist es mit dem (innerlichen) Beobachten (z.B. im Rahmen vom Meditieren). Im Vergleich zu den sonstigen (ja auch durchaus wechselhaften) Sitzungen ist plötzlich eure Leitung gestört! Ohne einen anderen ersichtlichen Grund! Und es ist extrem anstrengend, ein schärferes Bild zu bemühen und zu fokussieren.
(An dieser Stelle möchte ich euch beglückwünschen zu dem scharfen Bild, das ihr bereits erlangt habt! Ein HD-Fernseher unter den Introspektiven! :))

Jetzt fragt ihr euch vielleicht, warum ein scharfes Bild relevant sein sollte.
Vor allem, wenn ihr vielleicht gar nicht selbst meditiert, scheint das erst einmal super unwichtig im Vergleich zum unmittelbaren Genuss eines Keks.
Oder Schokoriegels.
Oder Stück Kuchens. (Das geht übrigens immer noch, auch ohne Zucker.)

Ich verrate euch, warum das super relevant ist!

Ohne ein klares Bild nach innen, laufen wir wie Schlafwandler_innen durch die Welt. Und sind – das ist eigentlich das erschreckendste – in einer Form des Autopilots gesteuert von den lang angelegten und sich immer wieder selbst reproduzierenden Mustern, Glaubenssätzen und Strukturen des Unterbewusstseins, die für all die Limitationen in unserem Leben sorgen.
Ein gestörter Empfang klarer(er) Signale schränkt einen ein. Er verhindert Veränderung. Er nimmt uns die Kontrolle darüber, frei(er) auf Situationen zu reagieren. (zu dem Thema gibt es so viele Ressourcen: Dispenza, Mooji, etc.)

Und es ist anstrengend. Ergo man fühlt sich irgendwie schlapper. Nicht direkt nach dem Stück Zucker (das ist ja das angenehme, dass es unmittelbar ins Blut geht), aber im Anschluss. Man fühlt richtig, wie der Körper arbeitet. Vielleicht ähnlich wie wenn ihr als Nicht- oder Kaum-Kaffeetinker_in eine Kanne Espresso leert. Schmeckt gut und verspricht hocgradige Produktivität, aber kann ziemliche Übelkeit verursachen. Und Unruhe. Und leider ein ziemliches Produktivitäts-Low.

[Fazit]

Die Auswirkungen sind erschreckend groß dafür wie normal der Konsum überall ist. Ich persönlich bin gerade überzeugt, dass der Preis mir den Genuss selten wert ist – dieses Rauschen im Kopf. Manchmal, nur sehr manchmal esse ich hochkonzentriertere Zucker – und weiß dann aber auch wofür. 🙂

Aber das heißt nichts: probiert es aus.

Es gibt zum Beispiel einen unterstützenden Rahmen mittels der 40-Tage Zuckerfrei Challenge von Hannah Frey (ihren Blog findet ihr hier: eine schöne Ressource für Gesundheits-Experimente). Ein gesteckter überschaubarer Zeitrahmen, der in die Auswirkungen mal reinschnuppern lässt.

Und was für mich eine grundlegende Feststellung war: Ich mag unter keinen Umständen auf den süßen Geschmack verzichten. Deswegen habe ich mich mit Zuckerersatzmitteln beschäftigt.
Damit meine ich jetzt nicht Süßstoffe wie Aspartam u.ä., die ich recht zweifelhaft in ihrer Wirkung auf die Gesundheit halte, oder Stevia, das ich persönlich geschmacklich leider ganz schrecklich finde, sondern neuere, pflanzlich gewonnene Stoffe mit zuckerähnlichen Eigenschaften:

Xylith und (in meinem Fall) Erythrit.

Beide sind extrem zahnpflegend (Xylith verwende ich bei der Herstellung meiner Zahnpasta) und haben eine zwar recht kalte, aber geschmacksneutrale Süße, die in der Intensität weißem Haushaltszucker nahe kommt.
Aber vor allem sind beide kalorienfrei und lassen damit den Blutzuckerspiegel nicht steigen (und danach wieder sinken). Und haben keine Signalstörung im Kopf zur Folge.
Ich backe damit, tue es in mein Frühstück oder mache mir damit süße Snacks/Desserts wie Milchreis o.ä.
So bin ich zwar relativ angewiesen auf meine eigene Süßigkeiten-Produktion, aber habe nicht das Gefühl etwas zu missen.

Schoko-Hunger begegne ich übrigens mit Erythrit in Kombination mit Backkakao (und einer Träger_innen-Masse). Also ist meine Beziehung mit der Schokolade auch noch nicht vorbei. Trotz Zuckerverzicht.

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